Wir

Das Ensemble Neue Horizonte Bern

«Wir werden», so sagte ein Ensemblemitglied einmal im Gespräch, «spielen, bis wir umfallen.» Und das scheint die volle Wahrheit zu sein. Jedes Mal, wenn man schon lange nichts mehr von ihnen gehört hat und sich fragt, ob die von den Neuen Horizonten wohl weitermachen, überraschen sie einen mit einem Konzert oder einem Projekt. Und das seit Jahrzehnten, genauer: seit der Gründung 1968, das ist nun bald ein halbes Saeculum und damit fast schon eine Ewigkeit. 

Immer noch tun sich dabei sozusagen Neue Horizonte auf – wobei man manchmal anmerken möchte, dass sich diese Horizonte auch wieder aufs Neue auftun, denn vieles, was diese Musikerinnen und Musiker, in deren Tätigkeit sich Komposition, Interpretation, Konzept, Improvisation, Klanginstallation, Imagination und allerlei Grenzüberschreitendes vielschichtig überlagern, in dieser Zeit entwickelt haben, ist auf einmal wieder aktuell. Die konzeptuelle Musik wird heiss diskutiert: Junge Performerinnen und Performer haben die Sprengkraft dieses Musikermachens wieder für sich entdeckt, denn so alt die Ansätze dazu sind, selbstverständlich ist das alles immer noch nicht.

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Im Ensemble Neue Horizonte Bern (das freilich so gar nicht mehr bundeshauptstädtisch ist) verbinden sich nicht nur die Produktionsgenres, sondern auch musikalische Gegensätze. Die Freiheit der Einbildungskraft steht neben einer durchaus helvetischen Disziplin und Strenge, der Humor neben einer Re- und Absolutheit, Beharrlichkeit neben Lockerheit, Traditionsgebundenheit neben Umstürzlerischem. Für manchen gestandenen Musikliebhaber muss das einst schockierend gewesen sein: Ein Pianist hüpft auf einem Bein durch den Raum; eine Vokalistin hängt Notenblätter an der Wäscheleine auf; ein doch sonst ernstzunehmender Komponist zieht sich den Pulli aus und wieder an und wieder aus und wieder an, und dazwischen erklingen noch irgendwelche Töne. So interpretierte das Ensemble zum Beispiel John Cages «Song Books». Manches, was hier geschah, glich einem leichtfertigen Verrat an allem, was einem seriösen Musiker heilig war. Manche Kollegen haben es deshalb abgelehnt und lehnen es ab. Es gab Kontroversen. Erst mit den Jahren wurde erkannt: Die Freiheit dieses Musikmachens war nicht gratis zu haben, sie war erarbeitet, erhört, erfunden, erdacht – und das Ensemble hat die einmal gemachten Erfahrungen nicht ad acta gelegt, sondern wieder und wieder erprobt und weiterentwickelt. Immer noch wirkt das erfrischend unkonventionell. So blickt man allenfalls mit etwas Wehmut auf das notgedrungene Altern dieses einst neuen Ensembles – und doch frohgemut.

Thomas Meyer